Doppeln lässt den Bizeps schrumpfen

Leider stimmt das, doppeln lässt den Bizeps schrumpfen. Allerdings bin ich persönlich noch nicht auf dem Niveau, dass ich beim Hangeln einarmig blockieren kann. Daher heißt es für mich weiter fleißig doppeln, bis der Bizeps groß genug ist!

Doppeln? Hangeln? Blockieren? Wer hier nur Bahnhof versteht, hat noch nichts von Bouldern gehört. Bouldern ist Klettern auf Absprunghöhe ohne Sicherung. Klettern ohne Sicherung klingt zunächst gefährlich, ist es aber keineswegs. Geklettert bzw. in diesem Fall gebouldert wird nur bis auf ca. 4-5 Metern Höhe – mit den gestreckten Armen versteht sich. Die Beine hängen also bei ca. 2 Metern in der Luft und unter sich hat man eine Weichbodenmatte (Indoor) bzw. ein Crashpad (Outdoor), welches einen Sturz oder Sprung gut abfedert und so für eine sichere Landung sorgt. Ziel des Sports ist es, bei einem bzw. zwei definierten Startgriffen unten an der Boulderwand zu, wie der Name schon sagt, starten und eine vorgegebene Route bis zum Top (oberster Griff der Route) zu bouldern. Wer den Top-Griff sicher für 3 Sekunden hält, hat die Route geschafft. Geflasht ist die Route, wenn man sie direkt beim ersten Mal schafft. Welche Griffe bzw. Steine zu einer Route gehören, erkennt man in vielen Boulderhallen anhand der einheitlichen Grifffarbe oder die Route ist mit gleichfarbigen Schildern gekennzeichnet.

Was ist nun das Besondere am Bouldern? Klingt ja erstmal nur wie Klettern in „einfach“, da die Wand nicht so hoch ist. Bouldern ist nicht wie Klettern ein Ausdauersport sondern ein Kraftsport und somit geprägt von kurzen aber knackigen Zügen (Zug = 1 Move von einem Griff zu einem anderen). Und Bouldern ist ein Denksport! Denn Bouldern hat ganz viel mit Technik zu tun. Die einzelnen Griffe sind schließlich nicht so an die Wand geschraubt, dass man sie wie eine Art Leiter einfach hochsteigen kann. Das wäre ja langweilig. Die spannendsten Routen sind die, bei denen man am Anfang noch gar nicht weiß, wie sie funktionieren und man sich erst einen Lösungsweg ausdenken muss. Häufig gibt es auch mehrere Lösungswege. Denn je nach Körpergröße, Armlänge, Kraft und persönlichen Vorlieben kommt man auf verschiedene Weise ans Ziel. Ein großer Mensch erreicht einen Griff vielleicht super einfach durch bloßes Hingreifen, während ein kleiner Mensch zu dem Griff springen muss. Ein kleiner Mensch kann wiederum Vorteile bei kleinen Griffen durch seine kleinen Finger haben, die weniger Auflagefläche auf einem Griff benötigen um das Eigengewicht zu tragen. Und diejenigen Boulderer, die einarmig blockieren können (an einem Arm im 90°-Winkel gechillt abhängen, die Beine baumeln in der Luft), schaffen einige Routen von denen ICH weit entfernt bin. Aber durch den ein oder anderen technischen Kniff kann man auch solche Defizite (nahezu) ausgleichen.

Die Technik gefällt mir am Bouldern besonders gut. Ich mag es, elegant zu klettern und die optimale Lösung für ein Boulderproblem zu finden. Und die Abwechslung macht‘s. Manche Züge sind extrem kraftintensiv, mal kommt es darauf an nur mit den Fingerkuppen kleine Leisten zu halten, dann muss man wieder viel Körperspannung oder Gleichgewicht aufbringen und ein anderes Mal muss man dynamisch von einem Griff zu einem anderen springen.

Einzigartig am Bouldern ist auch die Community. Gleich vorweg genommen: wie in jedem anderen Sport trifft man auch in der Boulderhalle Angeber, Protzer und die Ich-bin-zu-cool-für-dich-Typen, aber das sind zum Glück wirklich wenige. Die meisten Leute sind sehr entspannt, super nett und hilfsbereit. Wenn wer nicht weiter weiß, hilft man sich gegenseitig. Und jeder freut sich für den anderen, auch wenn man sich nicht kennt. Es ist einfach immer toll zu sehen, wenn jemand eine Route schafft, an der er lange rumprobiert hat bis alle Züge saßen und die Route letztendlich unter Einsatz aller mobilisierbarer Kräfte geschafft hat.

Was gibt es noch zu wissen? Boulder- bzw. auch Kletterrouten sind in verschiedene Schwierigkeitsgrade eingeteilt. Mittlerweile existieren etliche Skalen anhand derer, der Schwierigkeitsgrad von Kletter- und Boulderrouten bewertet werden kann. Ich selbst bin rund um den Globus am häufigsten der Fontainebleau-Skala (kurz FB-Skala) begegnet. Entwickelt wurde diese ursprünglich für die Bewertung von Routen im Bouldergebiet Fontainebleau und erstreckt sich von 2 (leichtester Grad) bis 8c+ (schwerster Grad). Die Buchstaben a, b und c differenzieren den Schwierigkeitsgrad weiter und ein + wertet die Route nochmal auf.

Neugierig geworden? Dann such die nächstgelegene Boulderhalle auf und probier es einfach mal aus! Am besten direkt einen kleinen Schnupperkurs (meist 1-2 h) für wenig Geld besuchen. Da lernt man alles Grundlegende zu Verhaltensregeln (z.B. Landebereich stets freihalten), Sicherheit (z.B. richtig fallen) und Technik.

Vorab schon mal ein paar Tipps für Neulinge:

Lasst euch beim Boulderschuhe leihen nicht zu kleine Schuhe aufschwatzen. Denn ihr werdet recht schnell merken: zu enge Schuhe tun extrem weh! Auch wenn euch gesagt wird, die müssen so eng sein: das ist Quatsch. Sehr enge Schuhe sind grundsätzlich wichtig, um möglichst viel Gefühl im Fuß zu haben und um auf extrem kleinen Fußtritten sicher stehen zu können. Doch als Anfänger wirst du solch schwierige Routen gar nicht probieren. Also such dir einen Schuh aus, der bequem ist. Viel „Luft“ sollte vorne an den Zehen natürlich trotzdem nicht sein. Dein Fuß sollte eben den Schuh komplett ausfüllen, ohne zu schmerzen. Recht simpel eigentlich.

Aufwärmen: In jedem Sport ein Muss, um Verletzungen zu vermeiden. Schaut euch am besten bei den anderen Boulderern ab, wie diese insbesondere die Finger aufwärmen.

Mehr aus den Beinen drücken, weniger aus den Armen ziehen: Das ist ein typischer Anfängerfehler. Insbesondere die Männer tendieren dazu ihre Armmuskeln einzusetzen und sich überall „hochzuziehen“. Das kostet extrem viel Kraft und ihr seid nach nicht einmal einer halben Stunde schon K.O. Lieber viel aus den Beinen abdrücken und am sogenannten „langem Arm“ klettern, sprich: nicht die Arme anziehen. Faustregel für den Anfang: für jeden Griff nach oben auch einen Fußtritt nach oben machen.

Zum Schluss bleibt nur noch eins zu sagen: Viel Spaß und allez!

Ach ja, und noch ein Wort an alle Boulderer gerichtet, die diesen Artikel lesen: Der Artikel hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Natürlich gibt es noch mehr zu wissen und natürlich gehen meine Erklärungen nicht in die Tiefe – ist aber auch nicht nötig, um einen kleinen Einblick in unseren Sport zu geben. 🙂

Von

Daniela Detter

Liebt: Reisen und Bouldern

Liebt nicht: Essiggurken und Spinnen

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